Beschreibung
Ziel des international ausgerichteten Vorhabens war die historisch-kritische Edition exemplarischer Werke des europäischen Musiktheaters vom 17. bis zum späten 19. Jahrhundert. Damit widmete sich erstmals ein Akademien-Projekt exklusiv dem Musiktheater und seinen vielfältigen Erscheinungsformen. Herausgegeben wurden Bühnenwerke französischer, italienischer, deutscher und englischer Provenienz.
Die Auswahl der zu edierenden Werke orientierte sich im Wesentlichen an zwei Kriterien: zum einen an der musikgeschichtlichen Bedeutung des jeweiligen Werks, die sich vor allem aus dessen kompositions- und gattungsgeschichtlichem Rang ergibt, zum anderen an der mit der jeweiligen Vertonung verbundenen editorischen Problemstellung. Damit rückten automatisch auch Gattungen in das Blickfeld, die bislang kaum oder gar nicht in kritischen Editionen Berücksichtigung fanden: Operette, Melodram, Schauspielmusik oder Pasticcio. Idealiter sollten die einzelnen Werkausgaben als Exempla für den editorischen Umgang mit einer spezifischen musiktheatralen Gattung stehen. Die editorischen Problemstellungen wurden in verschiedenen Modulen wie »Eigentext und Fremdtext«, »Transfer und Transformation« oder »Aufführungspraxis und Interpretation« gefasst, in welchen ein bis drei Werke figurieren.
Für die meisten Ausgaben von musikdramatischen Werken war der Partiturtext die oberste Instanz der Edition gewesen. Dies implizierte die Vorstellung, dass die Partitur die Textsorte Gesangstext gleichsam mitgeneriert. Auf diese Weise erhielt die Partitur einen Status, der den zugrunde liegenden Text zu einer nachrangigen Kategorie innerhalb der Edition macht. Vor diesem Hintergrund hat OPERA die Textsorte Libretto zum integralen Bestandteil der Edition gemacht, indem es die basalen Texte (Libretti, Regiebücher, Szenarien) in einer eigenen Textedition präsentiert. Leitendes Kriterium war dabei die Offenlegung der Statusdifferenzen zwischen Partitur und Libretto, was bedeutet, dass sich die kritische Edition des Textes auf der Basis aller Quellen – textlicher wie musikalischer – konstituieren muss.

Die Editionen wurden in Hybrid-Ausgaben vorgelegt: Die Partituren erschienen als traditionelle Notenausgaben, die Texteditionen sowie die kritischen Berichte wurden auf der Plattform Edirom Digitale Musikedition präsentiert. Das Editionstool Edirom ermöglicht die Verschaltung der Lesarten mit den editionsrelevanten Quellendigitalisaten, was die editorischen Entscheidungen transparent und visuell nachvollziehbar macht. Ferner erlaubt Edirom ein multidirektionales Navigieren auf verschiedenen Ebenen: via Notentext, via Lesarten oder via Quellen. Gleichermaßen ist ein Navigieren auf Takt- wie auch auf Zeilenebene (Vers) möglich, womit eine enge Verzahnung zwischen Musikedition und Textedition hergestellt wird.
Mit der Orientierung an editorischen Problemfeldern hinsichtlich der Werkauswahl hob sich OPERA signifikant von der bisherigen Editionspraxis musikalischer (Bühnen-)Werke ab, mehr aber noch betrat das Projekt Neuland im Bereich der digitalen Präsentationsform, die einen konsequenten Schnitt zwischen Print (Vorwort und Partitur) und Digital (Textedition und Kritischer Bericht) machte.
Die Werkeditionen erscheinen im Bärenreiter-Verlag, Kassel, mit dem OPERA kooperierte.
Obwohl primär im Fach Musikwissenschaft angesiedelt, verstand sich OPERA aufgrund der editorischen Bewältigung unterschiedlicher Textsorten (Musik, Text, Bild) sowie deren multilingualen Erscheinungsformen als originär interdisziplinäres Vorhaben, das an den jeweiligen Objekten neue, gegenstandsspezifische und disziplinenübergreifende Editionskonzepte entwickelte.
Das Projekt »OPERA – Spektrum des europäischen Musiktheaters in Einzeleditionen« befand sich in der Trägerschaft der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz. Es hatte seine Arbeitsstelle von 2009 bis 2012 an der Universität Bayreuth, von 2013 bis 2023 war es an der Goethe-Universität Frankfurt am Main angesiedelt.