Die musikwissenschaftlichen Akademieprojekte ›OPERA - Spektrum des
europäischen Musiktheaters in Einzeleditionen‹ und ›Christoph Willibald
Gluck - Sämtliche Werke‹ haben Neuerscheinungen vorzuweisen.
OPERA - Spektrum des europäischen Musiktheaters in
Einzeleditionen
hat mit der Edition von Marie-Justine-Benoîte Favarts und Adolphe Benoît
Blaises Annette et Lubin (herausgegeben von Andreas Münzmay in
Kooperation mit OPERA, Redaktion Janine Droese) den zweiten Band der OPERA-Reihe
vorgelegt.
Die edierte opéra comique kann als Schlüsselwerk in der Geschichte der
Gattung bezeichnet werden. Vor allem in stoffgeschichtlicher Hinsicht war
Annette et Lubin wegweisend und prägend für deren weitere
Entwicklung. Bedeutend ist das Werk auch wegen des großen Erfolgs, den es bei
den Zeitgenossen hatte: Uraufgeführt am 15. Februar 1762, als erste
Neuproduktion der Pariser Opéra-Comique nach deren Fusion mit der
Comédie-Italienne, stand es bis zum Saisonende fast ununterbrochen auf dem
Programm, ohne dass das Publikumsinteresse nachließ, und blieb über 30 Jahre auf
dem Spielplan. Zahlreiche Neuauflagen, Übersetzungen und Parodien des Stückes
zeugen von der Wirkungsmacht des Werks weit über die Grenzen Paris’ hinaus.
Wie bei allen Bänden der Reihe handelt es sich um eine Hybrid-Edition, das heißt,
dem gedruckten Notenband, der neben der vollständigen Orchesterpartitur auch die
die gesungenen Nummern verbindenden Dialoge und ein ausführliches Vorwort
umfasst, liegt ein USB-Stick bei, der den kritischen Apparat, eine elektronische
Version des kompletten Werktextes sowie Informationen zu den im Stück
verwendeten Melodie- und Textzitaten enthält.
Vollständige Literaturangabe:
Marie-Justine-Benoît Favart, Adolphe Benoît Blaise: Annette et Lubin. Comédie en
un acte en vers, mêlée d’ariettes et de vaudevilles. Edited by Andreas Münzmay
in cooperation with OPERA. Supervising Editor Janine Droese. Kassel u.a.:
Bärenreiter-Verlag, 2016 (OPERA. Spektrum des europäischen Musiktheaters in
Einzeleditionen 2). LXXXVI, 106 S. Mit Datenträger. ISMN 979-0-006-54318-2.
Das Akademienprojekt Christoph Willibald Gluck - Sämtliche
Werke hat den ersten Band ›Ballettmusiken‹ (11/5)
herausgebracht.
Bei der nun vorliegenden kritischen Edition handelt es sich um den ersten
erschienenen von drei geplanten Bänden (II/3, 4, 5) mit Ballettmusiken, die
zwischen 1759 und 1765 in Wien entstanden. Abgesehen von dem Ballett Achille
in Sciro, das für die Feierlichkeiten zur Hochzeit Erzherzog Leopolds
mit der spanischen Infantin Maria Luisa in Innsbruck vorgesehen war, wurden sie
alle unter der Leitung Glucks – in seiner Funktion als ›Compositore von der
Music zu den Balletten‹ – an den Hoftheatern, d. h. dem Burgtheater und dem
Kärntnertortheater sowie den Schlosstheatern von Laxenburg und Schönbrunn
aufgeführt. Der vorliegende Band umfasst die spätesten Werke dieser Phase: Von
nachweislich ehemals 24 Stücken aus dem Zeitraum 1760–1765, für deren
Komposition Gluck verantwortlich zeichnete, haben sich musikalische Quellen nur
zu sechs Balletten erhalten. Außer dem erwähnten Achille-Ballett, das
erst 1765 entstand, stammen die in diesem Band herausgegebenen Ballette aus dem
Zeitraum zwischen November 1760 und Juni 1761 (Spielzeit 1760/61 sowie 1761/62).
Die Balletts bestehen aus einer Reihe zahlreicher eher kurzer Sätze, die aber
wiederholt oder auch zu größeren Einheiten zusammengefügt werden konnten. Bei
teils wechselnder Besetzung sind neben Streichern und Cembalo Flöten, Oboen,
Fagott und Hörner beteiligt. Weiterführende Quellen lassen zudem auf die
Verwendung zusätzlicher (Schlag-)Instrumente schließen. Formal bildet Les
Aventures champêtres den Sonderfall eines Pasticcio-Balletts: Es beruht
auf Gesangsnummern in Wien populärer Opéras-comiques (z. B. Les Amours de
Bastien et Bastienne, La Fausse Esclave oder L’Arbre
enchanté), von denen mehr als ein Drittel ursprünglich von Gluck
stammen. So erschien (ähnlich einem Libretto) ein Szenarium, das die
Gesangstexte der Airs sowie Informationen zu Handlung und Ausführenden bot; es
wurde vollständig faksimiliert der Neuausgabe hinzugefügt. Ist dieses Ballett
pastoralen Inhalts, so handelt es sich bei Les Blanchisseuses und
Les Matelots um sogenannte ›Ballets de Metier‹, die Alltagsszenen
verschiedener Berufsgruppen zeigen, hier eben der Wäscherinnen bzw. der
Matrosen. Le Tuteur dupé ou L'Amant statue wiederum ist ein komisches
Ballett mit Figuren und Inhalten der Commedia dell'arte. Wie bereits der Titel
verspricht, steht bei La Halte des Calmouckes die Faszination des
Fremden im Mittelpunkt: Präsentiert wurde ein Zeltlager der Kalmücken, einer aus
der Mongolei stammenden und nomadisch lebenden Volksgruppe. Anders als bei den
anderen Balletts sind die Einzelsätze hier länger und komplexer; den zentralen
Satz übernahm Gluck später als ›Air pour les esclaves‹ in Iphigénie
en Aulide. Achille in Sciro stellt auch in weiterer Hinsicht
einen Sonderfall dar: Als groß dimensioniertes, heroisch-pantomimisches
Handlungsballett auf der Basis des antiken Stoffes war es Teil umfangreicher
höfischer Festivitäten, die sowohl Opernaufführungen als auch Bälle, Feuerwerk
und Illuminationen miteinschlossen.
Die Ballettmusiken sind singulär als Stimmensätze überliefert, die in zeitlicher
Nähe zu den Uraufführungen im Auftrag des Fürsten Joseph Adam von Schwarzenberg
(1722–1782) in Wiener Kopistenwerkstätten (von Carl Bonifacius Champée und
Theresia Ziss) angefertigt wurden und heute im Staatlichen Regionalarchiv, Český
Krumlov aufbewahrt werden. Die Edition umfasst neben einem detaillierten Vorwort
zu den einzelnen Balletten, beispielhafte Auszüge aus den Quellen. Im Kritischen
Bericht werden die Quellenlage, Bemerkungen zur Editionstechnik und zur
Aufführungspraxis eingehend kommentiert. In der jetzt erschienenen Neuausgabe
liegen Glucks Ballettmusiken erstmals im Druck vor.
Vollständige Literaturangabe:
Ballettmusiken: Les Aventures champêtres (Wien 1760), Les Blanchisseuses
(Wien 1760), Les Matelots (Wien 1760 oder 1761), La Halte des Calmouckes
(Wien 1761), Le Tuteur dupé ou L’Amant statue (Laxenburg bei Wien 1761),
Achille in Sciro (geplant für Innsbruck 1765) (II/5), herausgegeben von
Irene Brandenburg, Salzburg, Bärenreiter-Verlag, Kassel, 2016.